Pastiche (Style-alike, Soundalike, Remix, Mash-Up)

Einleitung

Der Begriff Pastiche ist sehr umstritten, die Definition des deutschen Gesetzgebers ist unpräzise und sehr weit gefasst. In der kulturtheoretischen Auseinandersetzung nimmt Pastiche eine untergeordnete Rolle ein, die Definitionen sind in der Wissenschaft bislang widersprüchlich. Daher hilft es wenig weiter, wenn für die Auslegung immer wieder auf den üblichen Sprachgebrauch verwiesen wird. (Etwa in den Leitlinien der EU-Kommission zu Art. 17: Guidance on Article 17 of Directive 2019/790 on Copyright in the Digital Single Market Definition“ vom 6. Juni 2021, S. 19): „ ... the meaning and scope of these terms must be determined by considering their usual meaning in everyday language, while also taking into account the context in which they occur and the purposes of the rules of which they are part“ – „Die Bedeutung und Tragweite dieser Begriffe ist unter Berücksichtigung ihrer üblichen Bedeutung in der Alltagssprache zu bestimmen, wobei auch der Kontext, in dem sie vorkommen, und der Zweck der Vorschriften, zu denen sie gehören, zu berücksichtigen sind.“ (eigene Übersetzung). In den Erläuterungen zum deutschen Gesetzesentwurf wurde Pastiche zum Teil falsch definiert, sodass eine eindeutige Auslegung zurzeit unmöglich ist. Erst in den nächsten Jahren wird die Rechtsprechung für Klarheit sorgen. Dieser Eintrag bemüht sich um eine möglichst korrekte Darstellung.

Historischer Weg zur Rechtsnorm

In Frankreich ist der Begriff Pastiche seit dem 18. Jahrhundert belegt und seit 1957 im französischen Urheberrecht verankert (Code de la Propriété Intellectuelle,Art. L 122–5 No. 4). Demnach kann ein Urheber nach Veröffentlichung folgende Nutzungen nicht verbieten: „La parodie, le pastiche et la caricature, compte tenu des lois du genre“ – „Parodie, Pastiche und Karikatur, unter Berücksichtigung der Gesetze des Genres“ (eigene Übersetzung). Pastiche wurde in der Rechtsprechung hauptsächlich bei Übernahmen innerhalb der Gattung Schriftliteratur angewandt.

Pastiche wurde schon in der europäischen Richtlinie 2001/29/EG (Art. 5 Abs. 3 k) erwähnt. Einige EU-Länder führten die Pastiche-Regelung nach 2001 ein, Großbritannien 2014. In dem für die Musikindustrie auch nach dem Brexit sehr bedeutenden Land ist die Definition weitreichender: „Pastiche is musical or other composition made up of selections from various sources or one that imitates the style of another artist or period.“ - „Pastiche ist eine musikalische oder andere Komposition, die aus Ausschnitten aus verschiedenen Quellen erstellt wurde, oder eine, die den Stil eines anderen Künstlers oder einer anderen Epoche imitiert“ (eigene Übersetzung).

2021 wurde der Begriff Pastiche mit der Urheberrechtsreform in Deutschland eingeführt (neue Paragraph § 51a UrhG). Deutschland war zur verbindlichen rechtlichen Umsetzung von Artikel 17 der europäischen Richtlinie 2019/790/EG verpflichtet.

Anmerkung: In der Musik wird traditionell der italienische Begriff Pasticcio (dt. Pastete) in einer eingeschränkten Definition verwendet. Damit bezeichnete man früher eine „Flickoper“. In der Barockzeit wurden etwa beliebte Nummernarien zu einem neuen Stück zusammengefügt, analog zu modernen Hit-Musicals mit neuer Rahmenhandlung. In der Malerei versteht man seit der Renaissance unter Pastiche eine Stilkopie. Die jetzige Definition geht weit über diese herkömmlichen Bedeutungsebenen hinaus.

Was bedeutet Pastiche nun im Urheberrecht?

Stil-Imitation und/oder Neuzusammenstellung

Der deutsche Gesetzgeber hat beide traditionelle Begriffsbestimmungen vereint. Einerseits übernimmt er die aus Frankreich kommende Vorstellung. Hiernach ist ein Pastiche ein Kunsterzeugnis, das sich an einem Vorbild durch stilistische Nachbildung anlehnt. (Der Begriff Werk wird hier vermieden, da ein Werkschutz keine Voraussetzung für ein Pastiche ist.) Andererseits greift der Gesetzgeber zusätzlich die Ausnahmeregelung in England auf, wonach auch mehrere Quellen als Vorbild dienen können. Es können daher auch verschiedene Stile oder Werkausschnitte gemischt werden (Potpourri, Medley, Collage, Remix).

Da allgemeine Stilrichtungen ohnehin nicht schutzfähig sind, darf jeder einen Genre-Stil oder einen Epochenstil aufgreifen und imitieren, Beispiel: Techno, Reggae, Brit-Pop, Heavy Metal, 70s Rock, New Soul mit Retro-Klängen usw. Die Pastiche-Regelung greift nun ebenfalls bei Nutzung des Personalstils oder eines konkreten Werkstils: Soundalikes oder Style-alikes nach eindeutigen Vorlagen etwa im Stil von Metallica, Michael Jackson, Stevie Wonder oder Songs im Stil von  „Shape of You“, „Stairways To Heaven“ „Blinding Lights“ usw. Bei der Pastiche wird wie beim Zitat oder bei der Parodie auf das alte Werk verwiesen oder es wird eine andere Beziehung durch einen gewissen Abstand hergestellt.

Abstand durch Wertschätzung

Pastiches sind ausdrücklich erlaubt. Sie können dabei über reine Stilkopien hinausgehen und relevante Teile eines bestehenden Werkes übernehmen, sofern eine Auseinandersetzung mit dem vorbestehenden Werk oder einem sonstigen Bezugsgegenstand erkennbar ist. Ein anderer Bezugsgegenstand könnte etwa eine Asnpeilung auf eine Symbolwirkung oder einen sozio-kulturellen Code sein.

Beispiel: In Boston produzierte die beliebte Radiostation KIIS 108 FM kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers  einen »WTC-Remix« des 2000 publizierten Werks "Only Time" von der irischen Sängerin Enya. Der Remix wurde von vielen Fernsehsendern zur Untermalung der Ereignisse am 11. September verwendet, insbesondere zum Fall der Twin Tower. (Video: https://youtu.be/Jl5-1H7dC14) [11.06.2021]. Die Nutzung war illegal, weil die TV-Stationen nicht die erforderlichen Synchronisationsrechte erworben hatten, sie wurde von der Plattenfirma WEA jedoch toleriert. Denn der Song wurde dadurch weltweit zur Trauerhymne für die Terroropfer und verkaufte sich außerordentlich gut. Daher gab es viele Nachahmer. — Es wäre nun ein Pastiche, wenn  ein neues Video mit einem Ausschnitt des Songs "Only Time" vertont wird, um Assoziationen zum 11. September und den dazugehörigen Emotionen zu wecken, obwohl der Song inhaltlich nichts mit dem Anschlag zu tun hat. Er stellt eigentlich  Zukunftsfragen an eine Liebesbeziehung, "nur die Zeit" würde Antworten geben. — Der Bezugspunkt zur Rechtfertigung des Pastiche befindet sich hier auf einer außermusikalischen Metaebene.

Juristen sprechen konkreter von einem „inneren Abstand“. Diese Auseinandersetzung könnte eine Huldigung, Hommage oder ähnliche Wertschätzung sein. Liegt eher eine abwertend humoristische Auseinandersetzung vor, handelt es sich um eine Parodie, die von der Pastiche abzugrenzen ist. Im Unterschied zur Fälschung wird das Vorbild nicht verheimlicht und auch nicht exakt kopiert.

Rechtssicherheit für User-Generated Content

Der Gesetzgeber nennt als Beispiele „Remix, Meme, GIF, Mashup, Fan Art, Fan Fiction oder Sampling“ ( Deutscher Bundestag, 19. Wahlperiode – Drucksache 19/27426, S. 105 ).

Diese modernen Kunsttechniken der Netzkultur, die im Internet vor allem durch User-Generated Content weit verbreitet sind, wurden mit der Reform also ausdrücklich legalisiert. Eingeschränkt wird das Pastiche durch § 23 UrhG, demnach muss es einen hinreichenden Abstand zum benutzten Werk aufweisen. Eine Schöpfungshöhe muss das Pastiche nicht erreichen. Unterschiede zum Original müssen allerdings erkennbar sein. Vor der Reform mussten die individuellen Züge des Originalwerks „verblassen“ (siehe Freie Benutzung), doch dieser umstrittene Begriff wurde 2021 mit der Urheberrechtsnovelle gestrichen.

Aufhebung des starren Melodienschutzes

Das Pastiche ist demnach eine Schrankenregelung, die eine Bearbeitung ausdrücklich rechtfertigt. Damit wird auch der bislang „starre Melodienschutz“ gelockert. Im letzten Gesetzesentwurf wurde der „starre Melodienschutz“ durch Wegfall von § 24 gestrichen und kurz vor Verabschiedung wieder in § 23 im Nebensatz eingeführt. Da Remixe aber ausdrücklich erlaubt sein sollen, die ohne Melodieübernahme nicht denkbar sind, ist von einem weniger „starrem Melodienschutz“ auszugehen. Einfache Bearbeitungen mit Melodieentnahmen sind nun ausnahmsweise zulässig im Rahmen von, Pastiches, Zitaten und Parodien. Eine dreiste Übernahme eines geschützten Werkteils ohne künstlerische Auseinandersetzung ist nach wie vor ohne Genehmigung des Urhebers nicht gestattet.

Neuer Kulturbegriff im Rechtssystem

Der Werkbegriff wandelt sich, eine Schöpfung wird nicht mehr als autonome Leistung wahrgenommen, sondern als Ereignis innerhalb eines intertextuellen Schaffensprozesses. Es werden damit postmoderne Theorien aufgegriffen, etwa die  Vorstellung einer nichtlinearen soziokulturellen Evolution. 

In der EU-Richtlinie wurde die Pastiche-Schranke ausdrücklich nur für die Online-Nutzung vorgesehen. In der deutschen Umsetzung besteht diese Einschränkung nicht, sodass § 51a ohne Zweckeinschränkung für alle Verbreitungsformen gilt. Die Ausnahmereglungen gelten auch für kommerzielle Nutzungen). Eine Schöpfungshöhe der Pastiche ist anders als bei der Bearbeitung keine Voraussetzung.

Vorschau: Interessenausgleich Nutzer und Urheber - angemessene Vergütung

Das novellierte Urheberrecht ist um Interessenausgleich zwischen Urhebern und Nutzern bemüht. Urheber müssen für die Nutzung angemessen vergütet werden. Wie diese Vergütung konkret erfolgen soll, ist noch nicht klar. Plattformen wie YouTube oder Facebook werden Kollektivlizenzen erwerben, sodass dort nicht der Uploader, sondern die Online-Plattformen Vergütungen ausschütten. Vermutlich ist künftig ähnlich wie bei Coverversionen Zwangslizenzen seitens der Verwertungsgesellschaft GEMA anzusetzen, sodass bei einer Pastiche die Anmeldung und Tarifvereinbarung bei der GEMA ausreicht. Bis zur eindeutigen Rechtslage ist weiterhin die Klärung mit den Rechteinhabern zu empfehlen.

Die neue Regelung dürfte vor allem Auswirkungen auf Coverversionen und Soundalikes haben. In der Vergangenheit wurden Coverversionen, die sich stilistisch weit von der Originalaufnahme entfernten, oft von den Verlagen als Bearbeitungen abgelehnt. Es werden nun ausdrücklich mehr stilistische Freiheiten eingeräumt, ein Arrangement kann nun deutlicher als bisher vom Original abweichen. Soundalikes können zudem mehr Elemente des Originals übernehmen.

Da Plattformen künftig für Schutzverletzungen haften, werden Upload-Filter eingesetzt. Ob diese Filter mit künstlicher Intelligenz Pastiches verlässlich erkennen, ist zu bezweifeln. Im Zweifel werden Pastiches von einem Sachverständigen beurteilt werden.

Zusammenfassung:

  • Ein Pastiche ist eine Übernahme fremder Werke oder fremder Werkteile mittels einer imitierenden oder zitierenden Kulturtechnik.
  • Es muss eine künstlerische Auseinandersetzung stattfinden, eine Verwechslungsgefahr mit der Vorlage ist auszuschließen.
  • Der innere Abstand zum Ursprungswerk ergibt sich durch eine wertschätzende, verehrende Haltung.
  • Die Übernahme muss ähnlich wie bei einem Zitat als solche erkennbar sein und darf die Quelle nicht verheimlichen.
  • Die übernommenen Werkteile müssen nicht verblassen, sie können wiedererkennbar sein.
  • Die Übernahmen von Melodien sind (im geringen Umfang?) möglich.
  • Es gibt keine Einschränkungen im Umfang, Zweck, finanziellen Nutzen, Genre oder in der Form. Vermutlich wird sich mit der Zeit eine „Fair Use“-Regelung wie im Vereinigten Königreich (UK) durchsetzen, um Missbrauch zu verhindern. Abgegrenzt werden Bearbeitungen .
  • Beispiele sind Anlehnungen an Werk-Stil, Personalstil, Gattungs- der Genre-Stil, Epochenstil: Remixe, Soundalikes, Sylealikes, Mash-Ups, Fan Art, Hommage-Zitate, Stil-Zitate.

Indirekt zitierte Quelle

* Vgl. Thomas Phleps [2010]. 9/11 und die Folgen in der Popmusik. In: Dietrich Helms (Hrsg.): 9/11 – The world’s all out of tune. Hrsg. Dietrich Helms. Beiträge zur Popularmusikforschung 32, Bielefeld: transcript-Verlag, S. 58f. http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2010/7544/pdf/Popularmusik_32_S57_66.pdf — Anmerkung: Der Sender KIIS wird im Artikel fälschlich in Los Angeles angesiedelt.

Weiterführende Literatur:

Gerald Spindler (1919). Gutachten zur Urheberrechtsrichtlinie (DSM-RL) Europarechtliche Vereinbarkeit (Artikel 17), Vorschläge zur nationalen Umsetzung und zur Stärkung der Urheberinnen und Urheber. Institut für Wirtschafts- und Medienrecht Georg-August-Universität Göttingen.

Frédéric Döhl (1919), Nach § 24 Abs. 1 UrhG: Zum Pastichebegriff im Kontext der anstehenden Neuaufstellung der Spielregeln freier Benutzung, in: UFITA Jahrgang 83, Heft 1, Seite 19 – 41

Frédéric Döhl (2020) Pastiche zwischen Generalklausel und Auffangtatbestand, in: Zeitschrift für geistiges Eigentum (ZGE), Volume 12, Ausgabe 4, Seite. 380-442, DOI 10.1628/zge-2020-0019

Philipp Justus (Vice President, Google Central Europe, 21..05.2021) Die Reform des Urheberrechts in Deutschland: Wie Google und YouTube Kreative und Rechteinhaber sowie Journalismus und Verlage unterstützen

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